Lachs 2000
Die Lachse kehren an die Lahn zurück
Vor rund 200 Jahren kam der Lachs im Rhein und damit auch in der Lahn noch in größeren Mengen vor.
Mit zunehmender Industrialisierung wurden jedoch die Flüsse schiffbar gemacht und neue und höhere Querverbauungen in Form von Steilwehren eingebaut.
Hinzu kam eine bis dahin ungeahnte Gewässerverschmutzung, wobei die fließenden Gewässer zu reinsten Abwasserkanälen degradiert wurden.
Auf die Ökologie der Fließgewässer und die darin lebenden Arten wurde von der aufstrebenden Industriegesellschaft keine Rücksicht genommen.
Die wenigen Fischer, die trotz der enormen Belastungen versuchten den Lachs zu erhalten, scheiterten.
Eine natürliche Reproduktion dieser Fischart war in den stark verschmutzten und sauerstoffarmen Gewässern nicht mehr möglich.
Erschwerend kommt noch hinzu, dass der Schlupf der befruchteten Eier fast 100 Tage in Anspruch nimmt.
Wegen der Querverbauungen konnten überdies die Lachse nach ihrer Rückkehr aus dem Meer ihre angestammten Laichgebiete nicht mehr erreichen.
So kam es, dass die Lachse im Rheinsystem langsam ausstarben. In den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde dann schließlich der letzte Lachs aus dem Rhein gefangen.
Damit war die gesamte Population des Rheinlachses unwiderruflich ausgelöscht.
Allerdings trafen die oben geschilderten Probleme auch für fast alle anderen Fischarten zu.
Lediglich Fische, die an die Wasserqualität und den Sauerstoffbedarf geringe Ansprüche stellten, wie zum Beispiel Rotaugen (Plötzen), Brachsen, Güstern oder Döbel, konnten in entsprechenden Populationen überleben.
Der Höhepunkt der Gewässerverschmutzung im Lahngebiet lag eindeutig Ende der 50er bis Anfang der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts.
Fast jährlich gab es große Fischsterben durch Einleitung von zum Beispiel Cyaniden, die den gesamten Fischbestand zwischen Wetzlar und Limburg vernichteten.
Der Fischerei-Sportverein Oberlahn e.V. 1885 klagte gegen die Einleiter in Wetzlar, jedoch gemessen an der Vergiftung des Gewässers und den Folgen für die aquatische Fauna mit herzlich wenig Erfolg.
So konnten damals z.B. 500 DM Schadenersatz eingeklagt werden für die Vernichtung des gesamten Fischbestandes zwischen Wetzlar und Aumenau.
Anscheinend war es zu der Zeit auch für die Richter kein großes Problem, dass die Gewässer zu Gift und Abwasser tragenden Kloaken verkommen waren!
Entsprechend klein war die Lobby der Fischerei, denn die Fische konnte man in der Regel nicht essen.
Sie rochen und schmeckten modrig und oft nach Phenol sowie anderen ekelerregenden und giftigen Stoffen.
So führte die Fischerei in den letzten 200 Jahren einen Kampf gegen Windmühlen (oder besser gesagt, gegen die Abwässer der Industriegesellschaft) ohne auf Hilfe von Politikern oder gar von den Gerichten hoffen zu dürfen.
Nur sehr langsam erkannte man auch ausserhalb der Fischerei den Frevel an der Natur und vor allem an den Gewässern.
Deshalb wurden erst in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts die ersten kommunalen und industriellen Kläranlagen gebaut.
Dies ging allerdings sehr zögerlich vonstatten.
Am Ende des 20. Jahrhunderts war eine Anschlussquote von nahezu 100 Prozent der Gemeinden an die Kläranlagen erreicht.
Sandoz-Unfall
Plötzlich und völlig unvermittelt nahm die Entwicklung der Verbesserung der Wasserqualität einen rasanten Verlauf. Ausgelöst wurde dies durch einen Betriebsunfall bei der Chemie-Firma Sandoz in Basel im Jahre 1986.
Aufgrund gezielter und umfassender Öffentlichkeitsarbeit durch die Medien gelangte dieser Unfall mit seinen schwerwiegenden Folgen für alle Arten im Ökosystem Rhein in den Brennpunkt der Öffentlichkeit.
Weiterführende Informationen finden Interessierte im Buch
'Biologie des Rheins', Herausgeber Ragnar Kinzelbach, erschienen im Verlag www.borntraeger-cramer.de
Das Projekt "Lachs 2000"
Die Rheinanliegerstaaten gründeten die Internationale Kommission zum Schutze des Rheins (IKSR) www.iksr.org und beschlossen, den Rhein und sein Wasser so zu sanieren, dass bis spätestens im Jahre 2000 wieder Lachse im Rhein schwimmen könnten!
Dies sollte durch den Ausbau von Kläranlagen sowie durch die Einrichtung von Schutzmaßnahmen in Industrieanlagen, die ungewollte Einleitungen von Schadstoffen in den Rhein verhindern sollten, bewerkstelligt werden.
In den einzelnen Ländern wurden einheitliche Qualitätsnormen für Abwassereinleitungen festgelegt und vor allem überwacht, so dass in der Folge die Wasserqualität schnell verbessert werden konnte. Auch der Sauerstoffgehalt des Rheinwassers konnte von ehemals nahe Null bis zur Sättigungsgrenze angehoben werden.
Somit war es möglich, dass sich das ehemalige Artenspektrum des Rheins wieder einstellte.
Gleichzeitig erstreckten sich die Bemühungen auch auf die Nebengewässer des Rheins, die sich dadurch ebenfalls weitgehend erholen konnten.
Lachsprojekt Lahn
Um das Ziel "Lachs 2000" zu verwirklichen, wurden tatsächlich Ende der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts die ersten Lachse in einige ausgewählte Nebenflüsse des Rheins (z.B. in die Sieg) ausgesetzt.
Nachdem die Bundesländer Hessen und Rheinland-Pfalz auf Initiative der IG-LAHN umfangreiche biologische Voruntersuchungen über die Praktikabilität der Lachswiederansiedlung vorgenommen hatten, wurden auch im Gebiet der Lahn die ersten Lachse ausgesetzt.
Dies geschah in Rheinland-Pfalz im Jahr 1994 und in Hessen im Jahr 1995.
Als Besatzgewässer wurden der Mühlbach (bei Nassau in Rheinland-Pfalz) sowie die Weil und die Dill in Hessen ausgewählt.
Diese Nebenflüsse der Lahn kamen wegen ihrer relativ intakten Gewässerstruktur in Frage und versprachen gute Erfolge.
Es wurden Lachs-Parrs französischer Herkunft besetzt, die sich erwartungsgemäß in den Besatzgewässern gut entwickelten.
Ehrenamtliche Lachswarte betreuen Projekt
Um die vielfältigen Arbeiten im Zusammenhang mit der Lachswiederansiedlung bewältigen zu können, wurden ehrenamtliche Lachswarte ausgebildet.
Diese setzten und setzen heute noch die geplanten und erforderlichen Maßnahmen im Wesentlichen in die Praxis um.
So wurde im Jahr 2000 eine Hälteranlage für Lachs-Rücklehrer und kurz darauf ein Bruthaus zur Erbrütung der gewonnenen Laichprodukte von der IG-LAHN in Aumenau erbaut.
Da die Durchgängigkeit der Lahn im Unterlauf noch nicht erreicht ist, werden heute die herbstlichen Lachs-Rückkehrer vor dem unüberwindlichen Lahnsteiner Wehr mit dem Elektrofanggerät gefangen.
Anschließend werden die Lachse nach Aumenau transportiert und in der dortigen Hälteranlage bis zur Laichreife gehältert.
Im Bruthaus können die gewonnenen Eier erbrütet werden.
In den Hälterbecken im Freiland kann die Brut angefüttert und aufgezogen werden.
Mittels menschlicher Hilfe kann so der natürliche Kreislauf in der Lachsbiologie (siehe Grafik) wieder hergestellt und aufrecht erhalten werden.
Probleme bei der Lachs-Wiederansiedlung
Nach den bisherigen Erfahrungen hat sich gezeigt, dass die Junglachse in den Seitengewässern der Lahn gut abwachsen. Spätestens nach 2 Jahren wandern die letzten Smolts (= abwanderwillige Lachse von etwa 20 cm Länge) eines Jahrgangs ab.
Bei der Abwanderung allerdings wird in den Wasserkraftanlagen der Lahn, die in der Bevölkerung fälschlicherweise als umweltfreundlich gelten, ein sehr großer Teil der Smolts in den Turbinen tödlich verletzt.
Andere werden schwer verletzt und gehen als Folge davon später ein oder werden leichte Beute anderer Raubfische.
Ein weiterer Teil wird auf der weiten Wanderung in den Nordatlantik von fischfressenden Vögeln oder größeren Raubfischen gefressen.
Bei der Rückwanderung in die Laichgebiete fällt ein sehr großer Teil der nun erwachsenen Tiere den Langleinen oder Treibnetzen der gewerblichen Fischerei zum Opfer und wird in den Feinkostgeschäften als teure Räucherware verkauft.
Die "Gourmets" wissen den wahren Wert dieser "Delikatesse" gar nicht hoch genug zu schätzen. Tatsächlich haben diese Fische einen unbezahlbaren Wert, da sie mit unglaublich viel Mühe, Geduld, Geld und ehrenamtlicher Arbeit von den vielen Mitstreitern der Lachs-Wiederansiedlungsprojekte in Deutschland und Europa erst wieder so weit gebracht wurden, dass sich der Fang fast wieder lohnt.
Doch leider werden die meisten Wildlachse legal oder illegal im Meer oder vor den Küsten gefangen, so dass kaum noch welche in ihre angestammten Geburtsflüsse zurückkommen können, um sich dort natürlich zu vermehren.
Es wird noch viele Jahre dauern bis der natürliche Kreislauf im Lebenszyklus des Lachses wieder geschlossen ist und die Wildfische der Art Salmo salar nicht mehr vom Aussterben bedroht sind.
Man sollte daher beim Kauf von Lachsprodukten peinlichst genau darauf achten, keine Wildlachse zu kaufen.
Denn wenn keine Nachfrage danach vorhanden ist, brauchen auch keine mehr gefangen zu werden.
Gottlob gibt es heute genügend Zuchtlachse, die in einwandfreiem Geschmack und hochwertiger Qualität, frei von Schadstoffen, wesentlich günstiger angeboten werden als Wildlachse.
Der Kauf von Zuchtlachsprodukten ist daher der beste Schutz der wertvollen Wildlachse!